Neustadt 25

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Ein spontanes „Ja, machen wir was!“ führte uns in die Neustadt 25. Über Freunde erfuhren wir von diesem leerstehenden Raum, in dem die POTENTIALe eine Zwischennutzung für kreative Ideen ermöglichte. Wir waren uns gleich einig, dass wir die Chance nutzen möchten, diesen schönen Ort zu bespielen – bzw. zu bekochen. Und so luden wir zwischen 12. und 16. November 2019 zum Mittagstisch.

Die anfängliche Euphorie wurde auch nicht geschmälert, als es in die Detailplanung ging. Die Ausgangslage: das Kochen im Raum war nicht möglich, da es keine Lüftung gibt. Die Lösung war die mobile Küche der POTENTIALe, die wir unter den Lauben vor dem Lokal aufstellten. Dass der Raum komplett leer war, war eine weitere Herausforderung. Tische? Stühle? Regale? Kein Problem. Auch hier kam uns die POTENTIALe sehr entgegen, und was noch fehlte, suchten wir aus unseren eigenem Hausrat zusammen oder fragten Freunde. Dass Mitte November auch nicht die beste Zeit für Wildkräuter ist, war ein weiterer Aspekt, der nicht ideal war, aber auch hier machten wir das Beste draus: die Brennesseln für Knödel wucherten noch munter in den Wiesen, ebenso der Giersch für ein Gerstenrisotto oder Salbei für die Salbeibutter.

So erwarteten wir am ersten Tag aufgeregt die ersten Gäste mit Brennesselknödel auf Lauchragout und Schoko-Lavendel-Mousse. Frischer Salat, Aufstrich mit selbstgebackenem Brot und Erfrischungen von der Tee- und Kräutersirup-Bar ergänzte das Mittagsmenü. Wir hatten keine Ahnung, wie viele Menschen sich an die Tafel setzen würden, die Platz für 14 Personen bot. Vorbereitet hatten wir mal knapp 30 Portionen. Über den Andrang waren wir dann doch etwas überrascht, und sehr erfreut. Einzelne Gäste fanden keinen Platz, andere nahmen sich die Knödel kurzerhand im Take-away-Style mit. Zuguterletzt hatten wir einige Portionen zu wenig.

Für den nächsten Tag setzten wir ein Gerstenrisotto mit Giersch, mit Butterranden und Sura Kees sowie Zitronenverbene-Topfencreme mit selbstgemachtem Hagebuttenmus auf die Menükarte. Diesmal hatten wir definitiv genug gekocht. Es blieb so viel Risotto übrig, dass wir am nächsten Tag daraus Risotto-Gemüse-Laibchen brieten, die unseren Stammgästen – ja, die hatten wir schon – teilweise noch besser schmeckten. Dazu gabs Ragout mit selbst gesammelten Pilzen und natürlich wieder ein kräutrig-süßes Dessert.

Am Freitag verwöhnten wir unsere Gäste – die nach wie vor zahlreich von den Düften der mobilen Küche angelockt wurden – mit Kaspressknödeln und Rosmarin Panna Cotta. Den Abschluss am Samstag machten wir mit einer Ravioli-Session: vor Ort füllten wir selbstgemachten Nudelteig aus Hanfmehl mit Brennesseltopfen und verfeinerten sie mit gebräunter Salbeibutter. An die 300 Ravioli gingen in den Kochtopf und einige wurden noch mit nach Haus genommen.

Die Woche in der Neustadt war viel mehr, als wir uns erwartet oder erhofft hatten. Herausfordernd und arbeitsintensiv, ein spannender Testlauf für unser Vorhaben, mit schönen Begenungen und wertschätzenden Rückmeldungen. Vor allem haben wir geschafft, was wir uns erhofft hatten: Wir brachten Menschen an den Tisch zum gemeinsamen Essen. Fremde, die ins Gespräch kamen, die etwas Neues entdecken und kennenlernen durften. Das zeigte sich gerade bei den letzten Gästen dieses Experiments: ein Ehepaar aus der Schweiz, die zufällig reingefunden hatten, ein älterer Herr, der eigentlich nur schnell noch was essen wollte und eine junge Feldkircher Unternehmerin. Sie saßen bis zum Schluss, redeten und lachten miteinander, gönnten sich ein zweites Dessert und kosteten Kräuterschnäpse. Und beim Rausgehen drehten sich die Schweizer nochmals um und bedankten sich, gut gelaunt und selbst ein bisschen überrascht: „Das haben wir gar nicht erwartet heute, es war so schön bei euch!“

Den Dank geben wir weiter an alle unsere Gäste in der Neustadt 25, für ihre Offenheit, ihre Neugierde, ihre große Wertschätzung.

Fotos: Nadine Jochum